Innovation am Limit der Serie
Die mechanische Hemmung bleibt das bestimmende technische Feld der Uhrenindustrie. Die Schweizer Ankerhemmung dominiert den Markt in der Breite. Omega hält ein festes Monopol bei der Co-Axial-Hemmung. Große Manufakturen investieren gezielt in eigene Entwicklungen für ihre Volumenserien. Rolex präsentierte im vergangenen Jahr eine proprietäre Siliziumhemmung. Breguet stellte parallel eine magnetische Ankerhemmung vor.
Diese industriellen Vorstöße markieren das obere Ende der verfügbaren Ressourcen. Unabhängige Uhrmacher wählen einen anderen Weg in die Zukunft. Sie greifen historische Hemmungskonzepte auf und entwickeln sie konstruktiv weiter. Diese traditionellen Entwürfe werden modifiziert, um den harten physikalischen Anforderungen moderner Armbanduhren standzuhalten.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Hemmung (F.P. Journe) | EBHP (Bi-Axial-Hochleistungshemmung) |
| Hemmung (Laurent Ferrier) | Natürliche Hemmung (LIGA-Verfahren) |
| Kaliber (Urban Jürgensen P8) | Schwenkbare Chronometerhemmung |
| Hemmung (Christophe Claret Angelico) | Chronometerhemmung mit Federnocke |
| Hemmung (Raúl Pagès RP1) | Schwenkbare Chronometerhemmung mit Sicherheitsfinger |
Breguets natürliches Prinzip
Die natürliche Hemmung geht auf Abraham-Louis Breguet zurück. Das Konzept beruht auf zwei gegenläufig rotierenden Hemmungsrädern, die dem Unruhrad direkt einen präzisen Impuls erteilen. Dieser Aufbau senkt die Reibung im System erheblich. Laurent Ferrier nutzt für seine Interpretation das moderne LIGA-Verfahren zur Mikrobearbeitung.
Die Hemmungsräder bestehen bei Ferrier aus Nickel-Phosphor. Anker und Rolle werden aus Silizium geätzt. Die Geometrie bleibt dabei eng an Breguets historischem Vorbild, was sich an kurzen, weit auseinanderliegenden Paletten und breiten Zahnzwischenräumen zeigt.
Ein automatischer Selbstanlauf wird für diese Konstruktion werksseitig nicht deklariert. Historische Versionen blockierten gelegentlich, wenn das Räderwerk ohne Spannung minimal zurücklief. Moderne Exemplare von Laurent Ferrier zeigen dieses Verhalten in der Praxis nicht.
Stabilität durch Geometrie
Kari Voutilainen hat eine mechanisch einfache und zuverlässige Variante der natürlichen Hemmung entwickelt. Der Konstruktionsschlüssel liegt in der Platzierung des Sicherungssteins direkt auf dem Anker, sodass stets das arretierte Rad den nächsten Impuls liefert. Das angetriebene Rad bleibt stabil in seiner Bahn.
Breguet verwarf das System aufgrund genau dieser baulichen Herausforderung. Voutilainen nutzt als zentralen Sicherungsstein einen einzigen Rubin, der mit zwei exakt gegenüberliegenden Schrägen versehen ist. Beide Räder erzeugen dadurch einen definierten Zug auf den Anker.
Das System hält den Anker sicher an den vorgesehenen Begrenzungsstiften, erfordert jedoch, dass die Hemmungsräder und die beiden Palettensteine auf zwei unterschiedlichen Ebenen arbeiten. Das Werk baut dadurch geringfügig höher. Die Mechanik kommt in leicht verfeinerter Form auch in den Kalibern der Modelle UJ-2 und UJ-3 von Urban Jürgensen zum Einsatz.
Der bedarfsgesteuerte Impuls
F.P. Journe integriert in sein Chronomètre Optimum eine Bi-Axial-Hochleistungshemmung (EBHP), die den Selbstanlauf aus dem Stand sicherstellt. Das System unterstützt zudem die Amplitude der Unruh über die Laufzeit, indem die verbauten Sperrpaletten mit einer zusätzlichen Impulsfläche ausgestattet sind.
Dieser Aufbau liefert der Unruh potenziell einen zweiten Impuls durch eine indirekte Komponente, die primär bei niedrigen Amplituden greift. Sobald die Unruh auf ihren optimalen Schwingungsbogen beschleunigt, bewegt sich der Anker schneller aus der Bahn der Hemmungszähne.
Der sekundäre Impuls wirkt als Bedarfsfunktion, wenn die Zugkraft nachlässt, da der gleitende Hub nicht mehr greift. Das Prinzip erinnert an die Impulsgebung historischer Hipp-Pendel.
Die Gefahr des Entriegelns
Die Chronometerhemmung erteilt der Unruh den Impuls absolut direkt und immer nur in eine Richtung, was sie hochgradig effizient macht. Die Adaption für die Armbanduhr scheitert bei vielen Entwicklern an der fehlenden Sicherheit gegenüber Erschütterungen im Alltag.
Ein Marinechronometer ruht kardanisch gelagert, während eine Armbanduhr ständige Stöße in sämtlichen Raumachsen erfährt. Die klassische Chronometerhemmung besitzt außer einem schwachen Zugwinkel keine mechanische Sicherung gegen unbeabsichtigtes Entriegeln.
Ein solches Entriegeln lässt das Hemmungsrad vorspringen und blockiert im schlechtesten Fall das System vollständig. Da das Detent-Element physikalisch nicht bistabil ist, scheidet ein klassisches Sicherheitssystem mit Messer und Rolle aus. Jeder Einsatz in der Armbanduhr erfordert einen neuartigen Sicherungsmechanismus.
Patentierte Sicherungssysteme
Jean-François Mojon vollendete das P8-Kaliber für Urban Jürgensen, nachdem Peter Baumberger und Derek Pratt den Vorstoß begonnen hatten. Das resultierende Patent EP 1 770 452 A1 dokumentiert eine schwenkbare Chronometerhemmung.
Zwei dedizierte Sicherheitsfinger verhindern hier ein Entriegeln des Hebels außerhalb der gewollten Impulsphase; in der Serie verblieb jedoch nur ein einziger Finger. Christophe Claret wählte für das Modell Angelico einen mechanisch anderen Weg.
Eine gefederte Nocke arbeitet mit einer zweiten Entriegelungspalette direkt auf der Unruh zusammen, wobei die Palette die Nocke vor dem Entriegeln beiseiteschiebt. Die rasche Abfolge der mechanischen Schritte erweist sich in der Praxis als komplex in der Feinregulierung.
Rückkehr zur Einfachheit
Raúl Pagès verfolgt mit dem Kaliber RP1 einen minimalistischen Ansatz. Seine Konstruktion nutzt eine schwenkbare Chronometerhemmung mit einem klassischen Gegengewicht und einem einzigen Sicherheitsfinger. Die Geometrie verzichtet vollständig auf Aushöhlungen oder skelettierte Teile.
Der Finger greift in seine Aussparung und schnappt sofort zurück, ohne die übrigen Phasen der Hemmung zu stören. Der deutsche Uhrmacher Christian Klings erweiterte das Feld um zwei stark abweichende Prototypenkonzepte.
Die Desmodromic-Hemmung überträgt das Prinzip zwangsgesteuerter Ventile auf die Uhr, wobei eine Rückholpalette die klassische Feder ersetzt. Seine Mosquito-Hemmung nutzt ein verkleinertes Arretierungsbauteil aus massivem Rubin, dessen geringe Masse die Trägheit bei heftigen Stößen minimieren soll. Beide Entwürfe bleiben Kleinstauflagen.
Alltagstauglichkeit entscheidet
Der theoretische Wirkungsgrad einer Hemmung garantiert nicht ihren Nutzen am Handgelenk. Die Chronometerhemmung bleibt ein empfindliches System, dessen Sicherheitsmechanismen das Risiko eines versehentlichen Entriegelns mindern, die physikalische Gefahr bei harten Stößen aber nie ganz beheben.
Die natürliche Hemmung bietet insgesamt den höheren Nutzwert. Kari Voutilainen liefert hier die überzeugendste Gesamtlösung, deren Implementierung in eigenen Uhren sowie bei Urban Jürgensen die Zuverlässigkeit seiner Geometrie belegt.
Der zentrale Sicherungsstein verhindert das Flattern der Räder dauerhaft. F.P. Journe zeigt mit dem Bedarfs-Impuls enorme technische Finesse, doch Voutilainens Konstruktion behauptet sich durch die stabile Architektur und die Funktionstüchtigkeit in der Serie.
Fazit
Die fortwährende Optimierung der Hemmung beweist die technische Ernsthaftigkeit unabhängiger Uhrmacher. Der Blick in historische Konzepte liefert Blaupausen, verlangt in der robusten Armbanduhr aber nach völlig neuen mechanischen Sicherungen.
