Antoni Chrono Magazin

Ressence TYPE 10 DN: Erstes Manufakturkaliber im Ölbad

Ressence TYPE 10 DN: Die Manufaktur ersetzt ihr ETA-Fundament durch das Kaliber RW-04 und bringt 60 Stunden Gangreserve in ein ölgefülltes Zifferblatt.

Autor
Daria Nachama
Veröffentlicht
19. Oktober 2026
Zuletzt geändert
20. Oktober 2026
Lesezeit
6 Min.
Detail of the 24 titanium minute track segments on the Ressence TYPE 10 DN with alternating sandblasted and brushed facets
Foto: DeployantQuelle, deployant.com

Das Ende der ETA-Basis

Ressence stellt die TYPE 10 DN vor. Die Neuheit beendet eine technische Abhängigkeit: Erstmals verbindet die Marke ein ölgefülltes Zifferblatt mit einem eigenen Manufakturwerk. Das neue Kaliber RW-04 ersetzt die bisher modifizierten ETA-2824-Werke, die bislang unter den rotierenden Scheiben arbeiteten. Mit der auf 100 nummerierte Exemplare limitierten Auflage liefert Ressence nun 60 Stunden Gangreserve.

Bisherige Modelle der Marke, etwa die Type 3, nahmen für den Antrieb der flüssigkeitsgefüllten Anzeige noch deutliche Abstriche bei der Gangreserve in Kauf. Das neue technische Fundament verspricht nun eine autonome Laufzeit, die den gestiegenen Erwartungen an ein hauseigenes Werk näher kommt. Für Interessenten lohnt sich ein Blick in den First Look, um solche Entwicklungen auf dem Markt frühzeitig einzuordnen.

Glatter Monolith aus Titan

Die TYPE 10 DN trägt ein Gehäuse aus poliertem Titan Grad 5 mit einem Durchmesser von 41,5 Millimetern. Das Gewicht am Handgelenk bleibt bei 82 Gramm, inklusive des integrierten blauen Kautschukbandes. Die Oberfläche ist mit einer dunkelblauen HarDeCo-Beschichtung überzogen. Dieses Material und die farbliche Einheit von Gehäuse, Zifferblatt und Band betonen den Anspruch der Marke an eine nahtlose Form.

Das Manufakturkaliber RW-04 der Ressence TYPE 10 DN mit Doppelfederhaus-Brücke und magnetischer Übertragungsscheibe
Das Manufakturkaliber RW-04 mit Doppelfederhaus-Brücke und magnetischer Übertragungsscheibe.Foto: DeployantQuelle, deployant.com

Eine klassische Aufzugskrone fehlt. Die Zeiteinstellung und der Aufzug erfolgen über den drehbaren Gehäuseboden, das sogenannte Ressence Compression Lock System (RCLS). Dieser Ansatz bewahrt die glatte Flanke der Uhr. Gewölbtes Saphirglas schließt Vorder- und Rückseite ab, was die Tropfenform der Uhr optisch verstärkt. Auf die präzise Angabe der Bauhöhe verzichtet die Manufaktur in ihren Dokumenten zur Markteinführung; die Wasserdichtigkeit ist mit 50 Metern notiert.

Dunkelblaues Ölbad

Das Zifferblatt ist nicht nur dunkelblau lackiert, es schwimmt im Öl. Genauer: Das patentierte ROCS 10-Modul (Ressence Orbital Convex System) füllt den Raum unter dem gewölbten Saphirglas mit 2,95 Millilitern Silikonöl. Dieses Öl eliminiert störende Lichtbrechungen und lässt die Anzeigen so erscheinen, als wären sie direkt auf die Unterseite des Glases gedruckt. Klassische Zeiger gibt es nicht. Stattdessen rotieren drei exzentrische, biaxiale Satelliten über eine konvexe Titanscheibe mit einem Krümmungsradius von 75 Millimetern.

Minuten lassen sich über 24 Titansegmente am äußeren Rand ablesen. Diese Segmente wechseln zwischen sandgestrahlten, mit Leuchtmasse gefüllten Vertiefungen und strichmattierten Flächen, die in 30-Grad-Schritten abgewinkelt sind, um das Licht facettenreich zu reflektieren. Das Hauptzifferblatt bei sechs Uhr zeigt die Stunden und enthält ein farbcodiertes Thermometer für die Öltemperatur – notwendig, weil das Silikonöl zwischen 15 und 35 Grad Celsius sein Volumen ändert und ein Kompensationsbalg im Inneren diese Schwankungen ausgleichen muss. Ein Zifferblatt bei drei Uhr dient als 24-Stunden-Anzeige, während eine rotierende 120-Sekunden-Scheibe bei neun Uhr als mechanischer Stoßdämpfer arbeitet.

Kraft durch die Membran

Das Kaliber RW-04 wurde speziell für den Antrieb durch die zähe Flüssigkeit entwickelt. Es taktet mit vier Hertz und speist seine Kraft aus zwei Federhäusern, was die 60 Stunden Laufzeit trotz des hydraulischen Widerstands ermöglicht. Die Konstruktion besteht aus 252 Teilen, das gesamte Modul der Uhr summiert sich auf 538 Komponenten.

Polierte Titangehäuse der Ressence TYPE 10 DN mit doppelt gewölbtem Saphirglas und direkt angesetztem Band
Das polierte Titangehäuse mit doppelt gewölbtem Saphirglas und direkt angesetztem Band.Foto: DeployantQuelle, deployant.com

Die technische Hürde liegt in der absoluten Trennung der beiden Systeme. Das mechanische Basiswerk arbeitet trocken in einer luftgefüllten Kammer. Das Anzeigemodul schwimmt komplett im Öl. Eine nur 0,1 Millimeter dünne Titanmembran trennt diese Kammern physisch. Die Übertragung der Zeigerbewegung erfolgt berührungslos und magnetisch über diese Trennwand hinweg. Die erwähnte 120-Sekunden-Anzeige stabilisiert diese sensible Magnetverbindung, wenn die Uhr am Handgelenk Erschütterungen erfährt. Wer ein Modell mit dieser Konstruktion erwerben oder ein bestehendes warten lassen möchte, kann Details oft über den ChronoService klären.

Der Preis des Fortschritts

Mit dem Schritt zur eigenen Mechanik verändert Ressence die Positionierung der Modelllinie. Das Modul basiert nicht mehr auf einer bewährten, aber einfachen Großserientechnik. Das neue Werk ist ein Statement der technologischen Unabhängigkeit, verlangt aber auch einen spürbaren Aufschlag gegenüber dem Standardmodell Type 3.

Die Auslieferung der limitierten Serie beginnt im November 2026. Dieser Zeitplan markiert den Übergang von der Konzeptphase in die reguläre Produktion. Die Uhr rückt damit näher an die Sphäre etablierter Manufakturen heran, die ihre Werke von Grund auf selbst entwickeln, bewahrt aber konsequent die exzentrische Anzeige, die Ressence als Marke definiert.

Form sucht Proportion

Die TYPE 10 DN räumt den wichtigsten technischen Kritikpunkt an Ressence ab. Ein ölgefülltes Zifferblatt, das optisch derart verblüfft, wurde bislang durch ein zugekauftes ETA-Werk angetrieben, was angesichts der geforderten Preisklasse oft schwer vermittelbar war. Das Kaliber RW-04 beendet diese Debatte. Die Magnetübertragung und die gesteigerte Gangreserve sind überzeugende Argumente für die neue Konstruktion.

Ein Einwand bleibt bei den offengelegten Maßen bestehen. Ressence nennt 538 Komponenten und den exakten Krümmungsradius der Zifferblattscheibe, lässt aber die Bauhöhe im Unklaren. Bei einer Uhr, die sich über ihre glatte, kieselartige Form und ihre Tragbarkeit am Handgelenk definiert, ist die Gehäusedicke ein entscheidendes Maß. Erst wenn die Uhr physisch auf dem Tisch liegt, wird sich zeigen, ob die komplexere Werkarchitektur den monolithischen Anspruch der Form tatsächlich stützt.

Häufig gestellte Fragen

Wie wird die Kraft vom Werk auf die Zeiger übertragen?
Das Werk arbeitet in einer luftgefüllten Kammer, während die Anzeigen im Öl rotieren. Die Kraft wird magnetisch durch eine 0,1 Millimeter dünne Titanmembran übertragen, die beide Bereiche hermetisch voneinander abdichtet.

Fazit

Die Einführung eines eigenen Kalibers wertet das Konzept der ölbadbasierten Anzeige technisch massiv auf. Es bleibt abzuwarten, wie sich die komplexere Konstruktion auf die physischen Proportionen und den langfristigen Betrieb am Arm auswirkt.

Quellen

Artikel teilen
XLinkedIn