Vergabe in Genf
Die goldene Hand der Aiguille d’Or steht bereit für den entscheidenden Moment. Am 7. November 2026 zieht der Grand Prix d’Horlogerie de Genève in das Bâtiment des Forces Motrices ein. Ab 18:30 Uhr mitteleuropäischer Zeit treten dort 84 nominierte Uhren in 19 Feldern an. Das Spektrum reicht von der schlichten Stahluhr bis zur hochkomplexen Mechanik im Edelmetallgehäuse. Der Hauptpreis krönt am Ende des Abends den Gesamtsieger, ausgewählt durch das Gremium vor Ort.
Die diesjährige Zeremonie wechselt erstmals vollständig in die englische Sprache. Die Organisatoren reagieren damit auf die global gewachsene Reichweite der Auszeichnung und erleichtern dem Publikum an den Bildschirmen das Verfolgen der Livestreams. Das Teilnehmerfeld entstammt einem präzisen Regelwerk. Zugelassen sind Modelle, die zwischen Mai 2025 und Ende Oktober 2026 regulär auf den Markt kamen.
Die Manufakturen entscheiden selbst über ihre Einreichungen und die passenden Disziplinen. Ein technischer Kommissar überwacht vorab, ob die gemeldeten Eigenschaften den realen Spezifikationen der Uhren entsprechen. Diese Prüfung sichert die Grundlage für die spätere Bewertung durch das Expertengremium.
Einteilung nach Merkmalen
Die 26. Ausgabe beendet die historische Trennung nach Herren- und Damenuhren. Der GPHG gliedert den Wettbewerb ab sofort konsequent nach den gestalterischen und technischen Eigenschaften der Zeitmesser. Die Einteilung richtet sich nach Funktionen, verbauten Komplikationen oder dem handwerklichen Einsatz von Edelsteinen. Die sachliche Konstruktion der Uhren wird zum Maßstab für den direkten Vergleich, nicht die vom Hersteller angenommene Zielgruppe.
Das aktuelle Regelwerk definiert 14 Hauptkategorien für die erste Abstimmungsrunde. Dazu gehören Felder wie Time Only für Drei-Zeiger-Uhren ohne weitere Indikationen sowie Essential für Modelle mit einem einfachen Datum oder einer Gangreserveanzeige. Komplexe Mechanismen ordnen sich in den Feldern Complication und Mechanical Exception ein. Bekannte Disziplinen wie Chronograph, Tourbillon und Sports decken die traditionellen Segmente der mechanischen Uhrmacherei ab.
In jedem dieser 14 Felder lässt das Gremium exakt sechs Uhren für das Finale zu. Diese Struktur zwingt zu präziser Vergleichbarkeit innerhalb einer klaren handwerklichen oder mechanischen Disziplin. Einzelstücke bleiben von der regulären Teilnahme in diesen festgelegten Hauptkategorien ausgeschlossen. Der Fokus der Preisvergabe liegt konsequent auf regulär erhältlichen Modellen der Manufakturen.
Prüfung durch die Jury
Die Entscheidung über die Preisträger fällt in einem zweistufigen Verfahren. Eine 24-köpfige Jury aus Fachjournalisten, Sammlern und Branchenvertretern trifft sich wenige Tage vor der Zeremonie in Genf. Dieses Gremium bewertet die Kaliberarchitektur, die Gehäuseverarbeitung und die Ablesbarkeit der Uhren durch direkte Anprobe und Prüfung unter der Lupe.
In der entscheidenden geheimen Abstimmungsrunde vergeben die Juroren Punkte von eins bis zehn für jede nominierte Uhr innerhalb der jeweiligen Kategorie. Der Erstplatzierte erhält zehn Punkte, der Zweite sechs Punkte und der Dritte vier Punkte. Zwei Notare überwachen diesen Vorgang hinter verschlossenen Türen. Das Votum der physisch anwesenden Jury macht zwei Drittel des Endergebnisses aus.
Das verbleibende Drittel stammt aus den Ranglisten der GPHG-Akademie. Die Mitglieder dieser Akademie stimmen über eine gesicherte digitale Plattform ab. Diese Gewichtung koppelt die präzise haptische Begutachtung der Jury in Genf an ein breites internationales Stimmungsbild der Branche.
Ausstellungen der Finalisten
Vor der endgültigen Entscheidung in Genf gehen die nominierten Uhren auf eine internationale Tournee. Das Feld absolvierte bereits erste Zwischenstationen in Mumbai und Bangkok. Diese Ausstellungen gaben Sammlern in den asiatischen Märkten die Gelegenheit, die Gehäuse und Zifferblätter aus direkter Nähe zu betrachten.
Aktuell befinden sich alle 84 Finalisten wieder in der Schweiz. Hier begutachtet die Jury das versammelte Feld physisch vor der Preisvergabe. Die gebündelte Präsentation an einem Ort bildet den logistischen Kernpunkt des gesamten Prüfverfahrens.
Nach der Zeremonie reisen die prämierten Modelle und die weiteren Finalisten nach Großbritannien. Watches of Switzerland zeigt die Uhren in einer Ausstellung im Showroom am Standort Knightsbridge in London. Am 18. November 2026 findet dort eine geschlossene Vorbesichtigung statt. Die ausgezeichneten Zeitmesser sind anschließend vom 19. bis zum 23. November 2026 regulär für das Publikum zugänglich.
Preise für besondere Leistungen
Der GPHG übernimmt in der Uhrenindustrie die Aufgabe eines zentralen Leistungsnachweises. Die Auszeichnung in einer Fachkategorie oder der Gesamtsieg liefert den Marken ein belastbares Argument für die eigene Historie. Die Nominierung allein generiert bereits Sichtbarkeit für unabhängige Uhrmacher, die sich auf der Bühne direkt neben den großen Konzernen platzieren.
Neben den regulären Disziplinen vergibt die Jury zusätzliche Preise für spezielle Leistungen. Ein fakultativer Preis ehrt etwa außergewöhnliche chronometrische Messwerte nach der Norm ISO 3159. Andere Auszeichnungen rücken historische Kollektionen oder junge Marken in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Diese Sonderpreise erlauben es dem Gremium, Entwicklungen abseits der festgeschriebenen Felder zu würdigen. Manche Innovationen oder Karrieren passen nicht in das strenge Punkteraster der 14 Hauptkategorien. Der Jury bleibt durch diese Struktur der nötige Spielraum, um frische Konzepte und nachhaltiges Wirken auszuzeichnen.
Blick auf den Wettbewerb
Der Wettbewerb zwingt die Branche einmal im Jahr zu einem systematischen Vergleich mechanischer Fähigkeiten. Die konsequente Abschaffung der Geschlechterkategorien lenkt den Blick auf die sichtbare Substanz der Zeitmesser. Ein ewiger Kalender oder ein Tourbillon wird nun nach der Güte des Kalibers und der Zifferblattgestaltung beurteilt. Die vom Hersteller anvisierte Zielgruppe spielt für die handwerkliche Einordnung keine Rolle mehr.
Der architektonische Schwachpunkt des GPHG bleibt das Prinzip der aktiven Einreichung. Marken schlagen ihre Uhren selbst vor und tragen die festgelegten Teilnahmegebühren. Das Teilnehmerfeld bildet aus diesem Grund niemals den vollständigen Markt ab, da manche großen Manufakturen sich dem Vergleich traditionell entziehen. Der Wettbewerb zeigt somit nur die Spitze derer, die sich dem Votum aktiv stellen wollen.
Dennoch bietet die Veranstaltung einen klaren Erkenntnisgewinn für die Sammlerwelt. Die starke Gewichtung der Punkte durch die Jury vor Ort schützt vor reinen Beliebtheitsvotums nach retuschierten Pressebildern. Das Ergebnis wird zeigen, welche Kaliber und Gehäusekonstruktionen der kritischen Prüfung unter der Lupe tatsächlich standhalten.
Fazit
Der Wegfall starrer Rollenbilder rückt die Konstruktion und die Verarbeitungsqualität der Zeitmesser in den Mittelpunkt. Die Veranstaltung liefert durch die internationale Jury einen belastbaren Querschnitt der aktuellen Mechanik, auch wenn das Prinzip der aktiven Einreichung eine vollständige Marktabdeckung bauartbedingt verhindert.
